Schwester Laura (25), eine Schweizer Muslimin aus Luzern, begann diesen Sommer ihren einjährigen Sprachaufenthalt in Damaskus, der Hauptstadt Syriens.

Rachid: Liebe Schwester, du hast dich für einen einjährigen Sprachaufenthalt in Syrien entschieden, wie kam es dazu?
Laura: Nach einer längeren Beziehung zu einem Muslim begann ich mich für den Islam zu interessieren. Ich informierte mich über diese Religion, las viele Bücher, besuchte den Islam Unterricht in der Moschee und lernte das Gebet. Im Juni 2006 konvertierte ich schliesslich zum Islam. Allhamdulillah! Weil ich in der Schweiz Vollzeit arbeitete, genügte mir nicht, was ich in meiner Freizeit lernte. Ich wollte meine ganze Zeit nutzen, um Hocharabisch, über Islam und Qur’an zu lernen. So entschied ich mich, in ein arabischsprechendes Land zu reisen, in dem die Leute den Islam vorbildlich praktizieren.
Rachid: Du wurdest also nicht von deinem damaligen Freund gebeten Muslimin zu werden, sondern hast dich selbst dazu entschieden?
Laura: Das ist richtig. Ich habe den Islam nicht für einen Mann angenommen, sondern aus eigener Überzeugung. Als ich genug über den Islam wusste, gab es für mich keinen Grund um zu warten.
Rachid: Was hat dich am Islam so sehr fasziniert, dass du Muslimin geworden bist?
Laura: Als ich zum ersten Mal die Moschee besuchte, war ich vom würdevollen Gebet äusserst fasziniert. Ich machte die Bewegungen mit und war den Tränen nahe. Mit der Zeit lernte ich den Islam mit seinen unzähligen positiven Seiten kennen. Zudem fand ich viele neue Freunde, überall Unterstützung, offene Ohren und Türen. Alles, was ich mir schwierig vorgestellt hatte – z.B. das Gebet auf Arabisch zu lernen und fünf Mal am Tag zu beten – war machbar, nur eine Frage der Einstellung und des Willens.
Rachid: Stichwort Gebet. Spürst du eine innerliche Veränderung seit du Muslimin geworden bist und die täglichen Gebete verrichtest?
Laura: Seit ich täglich bete, spüre ich eine innere Ruhe und Reinheit im Herzen. Ich brauche einen Sinn in meinem Leben und habe mit dem Islam ein neues Ziel gefunden. Ich bin dankbarer geworden und erkenne die bedeutenden Werte im Leben – materielle Dinge sind für mich weniger wichtig geworden. Das Aussprechen von Dua’s gibt mir ein Gefühl von Erleichterung und Hoffnung. Was ich vorher als „schlecht“ empfunden habe, sehe ich heute mit anderen Augen. Wenn etwas nicht klappt, wie ich es will oder mir vorgestellt habe, erkenne ich später meistens die Gründe dafür. Nicht zuletzt fühle mich auch äusserlich viel sauberer, weil ich mich mehrmals täglich wasche.
Rachid: Wie reagierte dein Umfeld auf deine neue Religion?
Laura: Muslimische Freunde, die ich durch den Islam kennen gelernt habe, freuten sich natürlich riesig und weinten sogar teilweise. Meine Familie war nicht begeistert. Meine Mutter empfindet das Kopftuch als Unterdrückung der Frau. Ich habe eine sehr liebe Familie. Auch wenn ich Muslimin geworden bin, wird meine Familie immer zu mir stehen – denn ich bleibe ihre Tochter / Schwester. Die Beziehung ist sogar noch intensiver geworden und meine Mutter sorgt sich besonders um mich. Meine Familie drängt mich nie, bei ihnen Fleisch zu essen und meistens kocht meine Mutter etwas Spezielles für mich. Wenn ich zu Besuch bin, kann ich in einem Zimmer beten. Bei der Arbeit fragten mich die Leute, weil ich mitten im Sommer plötzlich immer lange Kleidung trug. Sie haben es akzeptiert, aber nicht verstanden – das Kopftuch trug ich nicht. Mein damaliger Chef interessierte sich für den Islam und gelegentlich diskutierten wir über meine neue Religion. Bei meinem Abschiedsapéro schenkte ich nur Fruchtsäfte aus, kein Alkohol. Meine Freunde konnten mir nicht nachfühlen. Obwohl ich eine neue Religion habe, werde ich weiterhin mit ihnen befreundet bleiben. Ich habe immer erzählt, dass ich Muslimin geworden bin und habe mich dabei nie geschämt, sondern im Gegenteil: ich bin froh darüber. Alhamdulillah! Die meisten nicht-muslimischen Freunde und meine Verwandtschaft haben mich nie
mit dem Kopftuch gesehen.
Rachid: Nun wollen wir dich aber noch ein bisschen in Syrien besuchen. Wie sieht dein typischer Tag in Damaskus aus?
Laura: Morgens stehen wir (ich und die Frau, bei der ich wohne) um 05:00 für das Morgengebet auf. Nach dem Gebet liege ich meistens noch 1 Stunde im Bett. Dann dusche ich und frühstücke ausgiebig. Um 07:30 verlasse ich das Haus. Um 08:00 beginnt die Schule im Institut Abu Al Nur, das zur Moschee gehört. 8:00 bis 09:00 Uhr haben wir Qur’an Unterricht, 09:00 bis 10:30 Arabisch und nach 30-minütiger Pause folgt Grammatik Unterricht bis 12:30. Nach der Schule gehe ich einkaufen und fahre mit dem Bus zur Wohnung zurück. Nach dem Mittagsgebet koche ich etwas und am Nachmittag benutze ich meist den Computer, beantworte E-Mails und erledige meine Hausaufgaben, die täglich 1 bis 2 Stunden beanspruchen. Um 16:30 mache ich mich auf den Weg zur Moschee Bechir, die auf dem Weg zu meiner Privatlehrerin liegt und bete dort das Nachmittagsgebet. Diesen Weg lege ich zu Fuss zurück. Von 17:00 bis 19:00 habe ich Privatunterricht. Immer gibt es auch etwas zu essen: Früchte oder syrische Spezialitäten. Anschliessend spaziere ich zurück zur Wohnung und gehe unterwegs meistens noch einkaufen. Die meisten Lebensmittel sind in Damaskus äusserst günstig. Cornflackes sind mindestens so teuer wie in der Schweiz, habe ich die Erfahrung gemacht. Die Frau bei der ich wohne ist abends meistens zu Hause. Gemeinsam sitzen wir vor dem Fernseher und sprechen ein wenig. Manchmal kommt Besuch, ihre Schwester mit den Kindern oder eine Kollegin. Oft lerne ich nochmals für die Schule. Das Abend- und Nachtgebet verrichte ich zu hause, danach gehe ich um 22:30 schlafen.
Wochenende ist in Damaskus am Freitag und Samstag. Freitags vor dem Mittag besuche ich die Predigt eines Scheichs in der Moschee Abu Al Nur und Samstag morgens Qur’an Unterricht in der Moschee Mushab. Meistens treffe ich mich am Wochenende mit Kolleginnen um auswärts essen zu gehen oder zu lernen.
Auf dem Bazar habe ich neue Kleider gekauft, die dünn und sehr angenehm zum Tragen sind bei den heissen Temperaturen hier. Auf der Strasse bin ich kaum von einer syrischen Frau zu unterscheiden.
Rachid: Du nützt deine Zeit also gut aus um zu lernen. Und du scheinst dich in Damaskus zu bewegen wie ein Fisch im Wasser. Ist das als Europäische Frau alleine in einem arabischen Land kein Problem? Hast du noch nie eine schwierige Situation erlebt?
Laura: Europäische Frauen können prima alleine nach Damaskus reisen. Es gilt aber ein paar Grundregeln zu beachten, weil es sich um ein islamisches Land handelt. Ich kann mich auf der Strasse frei bewegen, wie es die syrischen Frauen auch tun. Belästigungen halten sich wirklich im Rahmen. Seit ich mich anziehe wie eine Syrierin, habe ich damit praktisch gar keine Probleme mehr. Oft werde ich im Gespräch gefragt, ob ich verheiratet bin und die meisten sind ganz erstaunt, dass ich alleine hier bin. Die einzige Schwierigkeit ist die Verständigung auf Arabisch, nicht dass ich als Frau alleine in Damaskus bin.
Die Leute hier sind sehr gastfreundlich und hilfsbereit, insbesondere wenn sie wissen, dass ich eine Touristin bin. Einmal suchte ich ein Gebäude und fragte einen Mann nach dem Weg. Er schickte einen Jungen mit mir, der mich nach 20-minütigem Fussmarsch dorthin brachte. Als ich das 1. Mal alleine mit dem Bus zur Moschee Abu Al Nur gefahren bin, habe ich mich nicht auf die Strasse geachtet und bin tatsächlich zu weit gefahren. Als mir dies bewusst wurde, stieg ich aus und fragte einen Mann, wo die Moschee sei. Mit dem Bus brachte er mich zur Moschee und bezahlte sogar die Busfahrt. Dies sind nur zwei Beispiele!
Ich habe meinen Aufenthalt via eine Agentur gebucht. Die Agentur half mir überall: Registrierung in der Schule, Wohnungssuche, Aufenthaltsverlängerung, etc. Für die Aufenthaltsverlängerung musste ich selber vor den Schalter im Immigrationsbüro, wo ein richtiges Chaos herrscht. Ich wusste nicht, wie die Formulare hiessen und zeigte einfach darauf. Der Mann am Schalter fragte mich auf Arabisch, was ich brauchte, lachte nur und wollte mir die Formulare erst nicht geben. Schwierige Situationen enden meistens lustig. Wenn ich ein Wort auf Arabisch nicht weiss, komme ich meistens mit Erklären oder Finger darauf zeigen weiter. Ich habe auch immer ein kleines Wörterbuch bei mir und im Notfall hilft manchmal Englisch weiter.
Rachid: Ja, das syrische “Immigration Office”, das war schon immer abenteuerlich. Welche Vorkenntnise sind für den Besuch des Arabischkurses des Abu Nur Instituts notwendig?
Laura: Grundsätzlich sind keine Vorkenntnisse notwendig. Wenn die Buchung über eine Agentur erfolgt, erhält man überall Unterstützung. Ich empfehle aber sehr, sich zuvor in der Schweiz Arabisch Grundkenntnisse anzueignen. Der Unterricht im Institut Abu Al Nur wird ausschliesslich in Arabisch erteilt und geht sehr schnell vorwärts! Für guten Lernerfolg ist es vorteilhaft, zusätzlich Privatunterricht zu belegen. In der Schweiz lernte ich fast 3 Semester Arabisch und habe hier nochmals von vorne begonnen. Das Mezze Institut geht in einem langsameren Tempo vorwärts, habe ich gehört. Nach Bedarf kann eine Gastfamilie und Privatlehrer gefunden werden, die Englisch sprechen.
Rachid: Was kostet so ein Sprachjahr in Syrien in etwa? Und wo finden Interessenten weitere Infos?
Laura: Der Flug nach Damaskus kann auf einem Schweizer Reisebüro gebucht werden. Ich würde CHF 1500 rechnen, weil es auf die Saison ankommt und je nachdem Umbuchungskosten vor Ort zu bezahlen sind. Ich kann die Agentur Arabesk für die Buchung der Schule und Unterkunft sehr empfehlen. Sie hilft auch für die Buchung des Flugs und gibt Informationen für das Visum ab: www.arabeskstudiesindamascus.com
Unterkunft ohne Essen: ca. 190 Euro / Monat, Unterkunft mit Essen: ca. 250 Euro / Monat, Institut Abu Al Nur: ca. 770 Euro (6 Kurse à 2 Monate, 60h pro Monat). Abu Al Nur bietet zudem kostenlosen Qur’an Unterricht an und ist deshalb besonders für Muslime zu empfehlen. Die Universität in Damaskus und das Mezze Institut bieten ebenfalls Arabisch Kurse an, sind aber ein bisschen teurer. Bei Bedarf kann zusätzlich Privatunterricht besucht werden, z.B. 40h pro Monat für ca. Euro 340.
Im Preis von Arabesk inbegriffen sind Abholung am Flughafen, die ersten drei Nächte Unterkunft im Hotel, Registrierungen, Übersetzungen, Aufenthaltsbewilligungen und vieles mehr. Individuell können auch Ausflüge nach Bosra, Palmyra, Krak des Chevaliers, Aleppo, Jordanien und Libanon gebucht werden. Im weiteren organisiert Arabesk auf Wunsch den Besuch des traditionellen Hamams (Bad), City Tour, Kochkurse, Kurse in Kaligraphie, Umra und Hajj in Mekka, etc. Ein Jahr Aufenthalt kann bereits ab CHF 7’500 gebucht werden. Es ist mit zusätzlichen Auslagen zu rechnen, z.B. Kauf von Kleidern, Ausflüge, etc. Arabesk schickt bei Interesse gerne eine individuelle Offerte, die Aufenthaltsdauer kann natürlich beliebig verkürzt werden (Korrespondenz in Englisch oder Französisch). Für weitere Auskünfte und Tipps stehe ich ebenfalls zur Verfügung.

Rachid: Wenn du nun mit etwas Abstand an die Schweiz denkst, welchen Wunsch hättest du als Schweizer Muslimin an die Schweizer?
Laura: Ich wünsche mir mehr Verständnis der Schweizer für die Muslime und dass sie weniger Vorurteile haben, sondern den wahren Islam mit seinen unzähligen positiven Seiten kennen lernen. Denn der Islam ist wunderschön und ich hoffe, dass sich viele Schweizer zum Islam bekehren werden. Die Medien hinterlassen meistens negative Eindrücke. Von uns Muslimen erwarte ich, dass wir den Islam vorbildlich leben und so mithelfen, überall viele gute Eindrücke zu hinterlassen. Besonders wichtig ist, dass Traditionen in islamischen Ländern – die teilweise wirklich „schlecht“ sind – nicht als die Religion angesehen werden. Weiter bedeutet das Kopftuch nicht Unterdrückung der Frau, wie die Meinung in vielen Köpfen herrscht. In der Schweiz habe ich als Muslimin die einzig wirkliche Schwierigkeit mit dem Tragen eines Kopftuchs. Es ist umso schwieriger, weil meine Familie und Verwandtschaft nichtmuslimisch ist. Ich wünsche mir mehr Arbeitgeber, die den Islam respektieren und das Kopftuch erlauben. Religionsfreiheit herrscht bereits in der Schweiz und ein friedliches miteinander – und nicht gegeneinander – Leben der verschiedenen Religionen ist doch am Schönsten. Damaskus ist ein gutes Vorbild: nebst den vielen Moscheen gibt es hier auch viele Kirchen.
Rachid: Dies ist nicht nur ein Wunsch, sondern ein ganzer Katalog von Wünschen. Was bietest du als Schweizer Muslimin der Gesellschaft an?
Laura: Egal in welchem Land ich lebe: ich muss die dort geltenden Gesetze einhalten und die Lebensweise der Gesellschaft respektieren. Die Schweiz ist kein Islamisches Land und das muss mir als erstes bewusst sein! Ich muss mich dem Leben in der Schweiz anpassen. Anpassen bedeutet aber nicht, dass ich meine Religion nicht leben kann. Als konvertierte Muslimin habe ich automatisch regelmässigen Kontakt mit anderen Religionen – das beginnt schon bei meiner Familie. Ich bin ein gutes Vorbild, das Freundschaft über die Religion hinaus geht. Nicht ich alleine, sondern wir Muslime alle zusammen haben der Gesellschaft durch vorbildliches Leben des Islams viel Positives als Gegenleistung zu bieten. Es gibt keine andere Religion, in der bereits die Begrüssung „Friede sei mit Euch“ („As salamu aleikum“) lautet. Also ein Zeichen von friedlichem Zusammenleben. Durch Praktizieren des Islams helfen wir die Gesellschaft in unzähligen Punkten zu verbessern. Hier nur ein paar Beispiele: keine unehelichen Kinder, keine Alkoholiker, keine Gewalt; dafür umso mehr: Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Dankbarkeit, Familienzusammenhalt, usw.
Rachid: Liebe Schwester Laura, ich danke dir vielmals für das Gespräch und wünsche dir noch einen schönen Aufenthalt in Damaskus.