Lieber Bruder Ali

Salamu Alaykum wa Rahmatullahi wa Barakatuh


Rachid's Blog - Eine Reise in die Gedankenwelt eines Schweizer Muslims
... und manchmal richtet sich ein Text an eine bestimmte Person. Weil die Texte Persönliches berühren können, nenne ich die Person jeweils "Bruder Ali".

Dieser Artikel ist ein Entwurf. Er muss sprachlich überarbeitet werden.

Einleitung
Die Fächer Sira (Prophetengeschichte) und Islamische Geschichte habe ich bei Ahmad Abdurrahman Reidegeld an den Kursen des Islamologischen Instituts in Frankfurt gelernt. Meine Kenntnisse habe ich druch Literatur vertieft, die mir Abdurrahman Reidegeld empfohlen hat. Während dem Unterricht hat Abdurrahman Reidegeld einmal gesagt:

„Geschichte ist das, was uns aus den Quellen entgegenspringt; und Quellen können verfälscht sein oder eine bestimmte Haltung haben. Geschichtsschreibung ist in der Regel die Geschichtsschreibung derer die überleben, und die die überleben sind meistens die Sieger. Und die Sieger sind nicht immer die Gerechten.“

Es ist interessant, sich die Geschichtswissenschaft anzuschauen, wenn man sich mit der Sira und der islamischen Geschichte befasst.

Bedeutung der Geschichtswissenschaft
Geschichtsschreibung ist immer Interpretation. Geschichtsschreibung ist subjektiv. Sie spiegelt die Haltung derjenigen wieder, die die Geschichte niederschreiben. Für eine möglichst objektive Geschichtsschreibung, die auf kritisch bewerteten Quellen beruht braucht es eine Methodologie. Die Geschichtswissenschaft hat diese Methodologie entwickelt und entwickelt sie laufend weiter.

Geschichte der Geschichtswissenschaft
Alles andere als eine kurze Übersicht über die wichtigsten Entwicklungen würde den Rahmen dieses Skripts sprengen.
In der Antike war Geschichtsschreibung vor allem Literatur. Im Mittelalter war die Geschichtsschreibung vor allem Sache der Kloster, der Mönche. Hauptsächlich befassten sich die Klöster mit Kirchengeschichte, mit Heiligenlegenden und mit Herrscherbiographien. Die gebräuchlichste Form war die Chronik. In der Renaissance, die auf das Mittelalter folgte und den Beginn der Neuzeit markiert, lebten antike Ideale wieder auf. Man begann die alten Handschriften, die das Mittelalter überdauerten zu interpretieren. Viele Abschriften wurden verfälscht, nicht zuletzt deshalb, weil beim kopieren eines Buches oft Kommentare nahtlos in den Text eingefügt wurden. So bildete sich mit dem Beginn der Renaissance die Philologie heraus, die durch kritische Analyse der Handschriften einen Text zu rekonstruieren versuchte, der möglichst nahe an die ursprüngliche Form herankam. Dies war der erste Schritt von reiner Geschichtsschreibung hin zu einer Geschichtswissenschaft.

Während der im 18. Jahrhundert beginnenden Aufklärung begann man die Geschichte philosophisch zu betrachten. Man betrachtete an der römischen Geschichte den Aufstieg und den Fall eines Imperiums. Die Geschichtsphilosophie entstand.

Im 19. Jahrhundert begründete Barthold Georg Niebuhr die historische Methode, die Quellen wurden fortan kritisch untersucht. Die Historiker begannen sich auf bestimmte Epochen zu spezialisieren. Im 19. Jahrhundert entstanden auch Disziplinen wie Arabistik, Semitistik, Agyptologie etc.

Im 19. Jahrhundert begann man Quellen systematisch zu registrieren. Umfangreiche, mehrbändige Inschriftenkataloge, aber auch Münzkataloge entstanden. Die Geschichtswissenschaft und die Geschichtsschreibung begannen sich auseinander zu bewegen.

Sira und Geschichtswissenschaft
An den ersten Abenden der Dars haben wir nach der Uebersicht über die Islamologie eine kurze Einführung in die Hadithwissenschaft gemacht. Wir haben gesehen dass sich die Hadithwissenschaft mit der Ueberlieferung und der Bewertung/Kategorisierung der Worte und der Handlungen des Propheten befasst, Sallallahu Alaihi wa Sallam. Wir haben auch gesehen, wie einzigartig die Hadithwissenschaft ist, keine andere Religion kennt etwas der Hadithwissenschaft vergleichbares.

Was zwischen uns und der Zeit des Propheten liegt, Sallallahu Alaihi wa Sallam, kann man mit einer Wand vergleichen, durch die wir nicht hindurchsehen können. Ein Hadith ist wie wenn jemand ein kleines Loch in diese Wand bohrt. Durch jeses dieser Löcher können wir einen ganz kleinen Auschnitt aus dem Leben des Propheten sehen, Sallallahu Alaihi wa Sallam. Wir haben sehr viele einzelne Ueberlieferungen, aber das sind alles Momentaufnahmen. Die geben uns kein Lückenloses Bild des Lebens des Propheten, Sallallahu Alaihi wa Sallam. Es ist wie ein Puzzlespiel, zu dem wir viele einzelne Teile haben, aber nicht alle. Wir können das Gesamtbild erkennen und sagen dass auf dem Puzzle vielleicht ein Pferd oder Auto ist, auch wenn einzelne Teile im Puzzle fehlen.

Die Sira steht also neben der Geschichtswissenschaft noch, und vor allem, auf mehreren anderen Pfeilern, der Hadithwissenschaft und der Qur’anwissenschaft, bzw. dem Hadith und dem Qur’an.

Islamische Geschichte und Geschichtswissenschaft
In der Zeit nach dem Propheten, Sallallahu Alaihi wa Sallam, haben Hadith und Qur’an als Quellen für die Geschichtswissenschaft nicht mehr dieselbe Bedeutung.
Die Geschichtsschreibung, die wir aus unserer schweizer Schulbildung kennen, ist sehr eurozentrisch. Die Geschichte anderer Kulturen wird nur am Rande betrachtet – und immer durch die Brille des christlichen Europäers. Es wird meist ein entstelltes und verzerrtes Islambild vermittelt. Hier möchte ich ein paar den Islam entstellende Zeilen aus dem Buch „Weltgeschichte 1 – Von den Anfängen bis zur französischen Revolution“ zitieren, einem Buch von Karl Schib und Joseph Bösch, das für den Unterricht an schweizer Schulen verwendet wird:

Danach bestimmten fünf Pfeiler das religiöse Leben, erstens das Glaubensbekenntnis: Es ist kein Gott ausser Allah, und Mohammed ist sein Gesandter. Zweitens das fünfmal täglich zu verrichtende Gebet; die Gebetszeiten verkündet vom Minarett aus der Muezzin. Drittens die Spende von Almosen an die Armen; das wurde später in eine Kopfsteuer umgewandelt. Viertens das Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang während des ganzen Sommermonates Ramadan. Fünftens die Pilgerfahrt zur Kaaba wenigstens einmal im Leben.

Mit dieser Prädestinationslehre theologisch nur schwer zu vereinen ist das Vergeltungsprinzip, wonach der Mensch im Jenseits den Lohn empfängt für sein irdisches Verhalten. In späterer Zeit mündete der Glaube an die Vorherbestimmung , an die Prädestination vielfach in Fatalismus: dumpfe Hinnahme der Gegebenheiten und Lähmung des Willens, diese Gegebenheiten aktiv zu ändern.

Sowohl bei Sira als auch islamischer Geschichte gibt es meist mehrere Betrachtungsweisen – zum Beispiel die muslimische und die christlich-abendländische. Zum Teil werden Ereignisse unterschiedlich bewertet.

Begriffsbestimmungen

Geschichte
Geschichte ist der Ablauf allen Geschehens in Raum und Zeit. Etwas enger gefasst kann man sagen, Geschichte ist der Entwicklungsprozess der menschlichen Gesellschaft als Ganzes.

Geschichtsschreibung
Die Geschichtsschreibung (Historiographie) ist der Versuch, anhand der Darstellung von Vorgängen, Zuständen und Personen Geschichte bewusst werden zu lassen. Die Geschichtsschreibung basiert heute auf der Geschichtswissenschaft.

Geschichtswissenschaft
Deie Geschichtswissenschaft ist die methodische Erforrschung der Geschichte auf der Grundlage der kritisch beurteilten Quellen (historisch-kritische Methode). Die Geschichtswissenschaft ist die Basis für eine wissenschaftlich begründete Geschichtsschreibung.

Geschichtsbild
Das Geschichtsbild ist die Gesamtheit aller Vorstellungen, die das Geschichtsbewusstsein eines Menschen, oder auch eines Volkes, prägen.

Geschichtsklitterung
Geschichtsklitterung ist nicht auf Forschung und Erkenntnis beruhende Geschichtsschreibung, die die Quellen sinnentstellend und parteilich interpretiert.
Ein Beispiel für Geschichtsklitterung ist zum Beispiel der Hollywood Film „U571“, eine amerikanische Besatzung findet in einem gekaperten deutschen U-Boot eine Enigma Chiffriermaschine. Dass die Alliierten danach die deutsche Kommunikation mithören können, verschafft ihnen entscheidende Vorteile. In wahrheit haben die Briten die Enigma gefunden.

Geschichtsphilosophie
Die Geschichtsphilosophie befasst sich mit der Deutung der Geschichte. Die Geschichtsphilosophie stellt die Frage nach dem Sinn und den Gesetzmässigkeiten, die hinter den durch die Geschichtswissenschaft ermittelten Fakten verborgen liegen.
Die Geschichtsphilosophie erforscht auch die Methodologie der Geschichtswissenschaft und versucht die Grenzen gewschichtswissenschaftlichen Erkennens aufzuzeigen.

Uebersicht über die Geschichtswissenschaft
Die folgende Grafik gibt einen Ueberblick über die Geschichtsschreibung, worauf sie sich stützt und wie sie vom Menschen wahrgenommen wird.

Die Geschichtsschreibung stützt sich auf die Geschichtswissenschaft. Die Geschichtswissenschaft versucht auf Grund der kritisch betrachteten Quellen möglichst objektive Fakten zu finden, die den tatsächlichen historischen Geschehnissen möglichst nahe kommen. Um den Quellen diese Fakten zu entlocken, bedient sich der Historiker den Hilfswissenschaften. Geschichtsschreibung ist immer Interpretation. Des wegen habe ich zwischen den Betrachter und die Geschichtsschreibung Geschichtsbild, Geschichtsphilosophie und Geschichtsklitterung gesetzt, weitere Begriffe sind möglich.

Klassische Periodisierung
Die europäische Geschichte wird in drei Perioden unterteilt:

  • Vor- und Frühgeschichte
  • Alte Geschichte (Altertum)
  • Mittlere Geschichte (Mittelalter)
  • Neuere Geschichte (Neuzeit, Zeitgeschichte)

Die einzelnen Perioden wiederum werden in Epochen unterteilt (z.B. Hochmittelalter, Renaissanc).

Besondere Aspekte der Geschichtswissenschaft
Innerhalb der Geschichtswissenschaft gibt es Teilgebiete die sich einem bestimmten Aspekt der Geschichte widmen, man unterscheidet zum Beispiel:

  • Wirtschaftsgeschichte
  • Kulturgeschichte
  • Religionsgeschichte
  • Kirchengeschichte
  • Rechtsgeschichte
  • Sozialgeschichte
  • Wissenschaftsgeschichte
  • Landesgeschichte
  • Stadtgeschichte

Quellen
Die heute gebräuchlichste Definition des Begriffs Quelle ist die des Historikers Paul Kirn:

Quelle nennen wir alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann.

Es gibt verschiedene Kriterien nach denen Quellen Kategorisiert werden können. Bei der Kategorisierung nach Primär- und Sekundärquellen wird unterschieden ob eine Quelle unmittelbar ist, oder ob sie auf Grund einer anderen Quelle entstanden ist. Diese Kategorisierung wird aber dann verschwommen, wenn die Primärquelle verloren geht oder zerstört wird, wenn sie wegfällt. Dann wird die Sekundärquelle zur Primärquelle.

Eine weitere Möglichkeit Quellen zu kategorisieren ist die Unterscheidung nach Überresten und Traditionen. Unter Überresten versteht man Quellen, die unmittelbar von den Geschehnissen übrig geblieben sind. Das können Bauten, Waffen, Skelette, Kunstwerke, schriftliche Belege, im abstrakten Sinn aber auch Sprache oder Bräuche sein. Ein Beispiel für Überreste in der Sprache sind zum Beispiel Worte aus dem Romanes, der Sprache der Roma (Zigeuner), die man in vielen Sprachen findet. Man kann anhand dieser Worte rekonstruieren wie die Roma nach Europa und nach Arabien/Nordafrika gekommen sind. Unter Traditionen versteht man alle Quellen, die absichtlich zur historischen Überlieferung geschaffen wurden. Dies können Chroniken, Sagen, mündliche Überlieferungen, Biographien, Lieder oder Erzählungen sein.

Die ganze Geschichtswissenschaft basiert auf den Quellen. Nun können Quellen aber gefälscht, verfälscht, nicht vertrauenswürdig oder irreführend sein. Deshalb müssen Quellen kritisch beurteilt werden, bevor sie für die Geschichtswissenschaft herangezogen werden können.

Historische Methode
Die historische Methode ist die Bezeichnung für das im 19. Jahrhundert entstandene Erkenntnisprinzip der Geschichtswissenschaft. Die historische Methode wird im Folgenden kurz vorgestellt.

Äussere Kritik
Die äussere Kritik bewertet die Echtheit einer Quelle. Anhand von äusseren Eigenschaften wie Entstehungsort, Entstehungszeit, Urheber, etc. Die äussere Kritik beurteilt ob eine Quelle für die weitere Arbeit verwendet werden kann.

Innere Kritik
Von der inneren Kritik spricht man meistens im Zusammenhang mit Textdokumenten. Die innere Kritik beurteilt den Aussagegehalt der Quelle, im wesentlichen ist die innere Kritik Textanalyse. Sie versucht Fragen zu beantworten wie:

  • Wie berichtet der Verfasser?
  • Was will er berichten?
  • Was ist sein Standpunkt?
  • Was haltet er für die Wahrheit?

Hilfe bei der Beantwortung dieser Fragen bietet die Aufschlüsselung des Textes nach philologischen Gesichtspunkten.

  • Klärung unbekannter Wörter
  • Klärung heute evtl. anders verstandener Wörter

Der Text wird auch nach sachlichen Gesichtspunkten aufgeschlüsselt.

  • Wird im Text auf bestimmte Personen oder Ereignisse angespielt?

Ideologiekritik
Festzustellen welche Ideologie der Verfasser anhing, welche Weltanschauung er hatte. Seine politischen und weltanschaulichen Standpunkte müssen untersucht werden.
Erst wenn all diese Schritte getan sind, kann mit der Interpretation der Quelle begonnen werden.

Interpretation
Bei der Interpretation einer Quelle vergegenwärtigt man sich zuerst, welche Punkte im Zentrum des Textes stehen und welche Punkte eher erklärenden Charakter haben. Danach beurteilt man die Aussagekraft der Quelle indem man einige Punkte kritisch hinterfragt:

  • Was war die Absicht des Verfassers des Textes?
  • In welcher Lage befand sich der Verfasser zur Zeit der Entstehung des Textes?
  • In welchen grösser gefassten historischen Gesamtzusammenhang gehört der Text?
  • Gibt es andere Quellen zum gleichen Thema aus der selben Zeit?

Man vergleicht den Text mit anderen Quellen und mit der Fachliteratur. Man ordnet den Text in ein biographisches, soziales, ideologisches, kulturelles wirtschftliches und politisches Umfeld ein.

Danach beurteilt man den Erkenntniswert der Quelle für die Beantwortung der Fragestellung die einen veranlasst hat, sich mit dieser Quelle zu befassen. Es kann natürllich sein, dass sich durch die Arbeit mit den Quellen herausstellt, dass eine Frage falsch gestellt war. Dies kann auch eine Antwort sein, die die historische Methode auf eine Fragestellung liefert.

Die Interpretation einer Quelle ist nicht immer eindeutig. Um eine Fragestellung möglichst widerspruchslos zu beantworten muss man wann immer möglich weitaus mehr Material auswerten als man eigentlich benötigtum. Niemals darf man eine Quelle aus ihrem historischen Umfeld herausnehmen, denn damit könnte man den Aussagegehalt der Quelle verfälschen.

Hilfswissenschaften
Im Folgenden werden die historischen Hilfswissenschaften kurz vorgestellt.

Paläographie
Die Paläographie ist die Lehre von der Entwicklung und den Formen der Schrift. Es ist schwierig, alte Dokumente oder Handschriften zu lesen, weil das Schriftbild meist ein völlig anderes ist, als wir es heute kennen. Die Paläographie stellt sicher, dass wir alte Texte korrekt lesen können.

Die Paläographie hilft aber auch Dokumente oder Handschriften zeitlich und geographisch einzuordnen. Manchmal ist es sogar möglich ein Schriftstück einem bestimmten Schreiber zuzuordnen.

Die Paläographie kann helfen ein Schriftstück als Fälschung zu erkennen. Beim Erkennen einer Fälschung arbeiten meist mehrere Hilfswissenschaften zusammen, die jeweils Indizien liefern.

Epigraphik
Die Epigraphik ist mit der Paläographie eng verwandt und befasst sich mit Inschriften, mit der Beschriftungen verschidener Materialien wie Stein, Metall, Holz, Leder, Stoff etc aber auch mit Mosaiken.

Nicht nur das Material sondern auch das Werkzeug ist ein anderes als bei der Paläographie. Auch der Schreiber ist nicht derselbe.

Die Epigraphik hilft bei der Datierung und Lokalisierung von Funden, aber auch beim Erkennen von Fälschungen.

Kodikologie
Die Kodikologie, oder Handschriftenkunde, befasst sich mit handschriftlich verfassten Büchern.

Gegenstand der Kodikologie sind einerseits die Materialien, aus denen die Handschriften hergestellt wurden - also Papyrus, Pergament, Papier, Ledereinband, Bindung, Tinte, Wasserzeichen etc. - andererseits der Inhalt und die Geschichte einer Handschrift.

Bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts – den Beginn des Buchdruckes - waren alle Bücher Handschriften. Man unterscheidet zwischen Abschriften, gewissermassen Kopien von Büchern, die von Schreibern angefertigt wurden, und Autographen, Handschriften die vom Autor eines Textes selbst niedergeschrieben wurden.

Die Kodikologie, also die Handschriftenkunde, arbeitet sehr eng mit der Paläographie zusammen, der Lehre von der Entwicklung und den Formen der Schrift.

Diplomatik
Der Gegenstand der Diplomatik sind Urkunden und andere Schriftstücke mit rechtlichem Inhalt. Diese Dokumente können auf Papier, Pergament oder Papyrus im Original vorhanden sein, oder aber als Abschriften zum Beispiel in Registerbüchern oder Katastern.
Urkunden gehören zu den unmittelbarsten und wichtigsten Quellen der Geschichte, weil aus ihnen direkt auf ein rechtliches Vorgehen geschlossen werden kann und nicht wie zum Beispiel Chroniken erst später verfasst wurden und zum Teil auch die Haltung des Chronisten wiederspiegeln. Auch die Diplomatik hilft beim Erkennen von Fälschungen.

Sphragistik
Noch heute sind Siegel in Gebraucht. So werden zum Beispiel die Stromzähler in den Häusern durch ein Verschlusssiegel vor manipulation gesichert. Gewisse Dokumente (Diplome, Ausweise, etc) tragen immer noch ein Siegel oder einen Stempel, der die gleiche Funktion hat wie ein Siegel. Manche Dokumente werden erst durch das Siegel (oder den Stempel) rechtskräftig.

Die Sphragistik befasst sich mit der Form, der rechtlichen Bedeutung und der Echtheit der Siegel. Sie ist mit der Diplomatik, der Heraldik und der Numismatik eng verwandt.

Aktenkunde
Seit aus den mittelalterlichen Kanzleien in der Neuzeit Behörden mit einem jeweils klar definierten Aufgabenbereich entstanden, sammelten sich in den Archiven dieser Behörden Akten an. Anhand dieser Akten gewinnt die Aktenkunde Aufschluss über Tätigkeitsbereich, Arbeitsabläufe, Arbeitsmethoden, Kompetenzen und Hierarchien einer Behörde.

Chronologie
Erst im 20. Jahrhundert setzte sich eine weltweit einheitliche Zeitrechnung durch. In Europa war früher neben dem Gregorianischen Kalender auch der auf Julius Cäsar zurückgehende Julianische Kalender gebräuchlich, vor 1582 galt sogar in ganz Europa der Julianische Kalender. Wir Muslime benutzten den Hidschri Kalender, heute benutzen wir den Gregorianischen und den Hidschri Kalender. Auch der Jahresanfang und die Namen der Tage waren teils sehr unterschiedlich. So werden zum Beispiel im Buch „Die Kreuzzüge in Augenzeugenberichten“ von Régine Pernoud die Daten in manchen Berichten in römischen Kalenden, Nonen und Iden angegeben, oder es wird auf Fest- oder Heiligentage bezug genommen.

Die Chronologie ist die Lehre der Zeitrechnung, ihrer Grundlagen und ihrem Gebrauch. Die Chronologie bringt Ordnung in diese Vielfalt von Datumsangaben.

Genealogie
Die Herkunft von einem berühmten Stammvater, einer edlen Familie, fördern das eigene Ansehen. Herkunft bekräftigt den Anspruch auf eine bevorzugte gesellschaftliche Stellung. In einer Dynastie legitimiert die Herkunft Herrschaftsansprüche.

Die Genealogie als geschichtliche Hilfswissenschaft erforscht die Stammbäume einzelner Geschlechter und bietet damit Hilfe bei der Beantwortung historischer Fragestellungen wie Besitz- und Herrschaftsverhältnissen, zur gesellschaftlichen und politischen Rolle von Familien oder Personen, aber auch zur Lösung von Datierungsfragen.

Heraldik
Die Heraldik erforscht die Wappendarstellungen, das Wappenwesen, das Wappenrecht, und bietet der Genealogie Hilfe beim bestimmen der Abstammung einer Familie.

Numismatik
Die Numismatik untersucht Munzen und das Geldwesen allgemein. Die Numismatik findet Antworten auf die Fragen:

  • Wo kommt die Münze her?
  • Wann wurde sie geprägt?

Heute stehen die Anworten auf diese Fragen auf jeder Münze, früher war das aber nicht die Regel. Es gibt historische und moderne Fälschungen – die Numismatik versucht sie aufzudecken.

Die Numismatiker erstellen Kataloge mit allen unterschiedlichen Münzprägungen eines Territoriums und einer Zeit. Vor allem für die Wirtschaftsgeschichte ist es interessant, wenn z.B. in Skandinavien arabische Münzen gefunden werden. Dies kann ein Hinweis auf Handelsbeziehungen sein. Die Numismatik kann aber auch Fragen zu beantworten Helfen wie:

  • Was verdiente ein Arbeiter?
  • Was kostete wieviel?
  • Wie waren die Wechselkurse?

Metallurgische Untersuchungen von Münzen lassen Rückschlüsse auf das Bergbauwesen zu.

Statistik / Historische Fachinformatik
Um Quellen in Archiven einzusehen müssen Historiker teilweise weit reisen. Die historische Fachinformatik hilft Archive zu digitalisieren und über das Internet zugänglich zu machen.

Ein erster Schritt war sicher die Digitalisierung der Bibliothekskataloge. In Luzern zum Beispiel wurden tausende von teilweise sehr alten Karteikarten mit Hilfe einer Software der schweizer Firma Eurospider digitalisiert. Heute sucht man nicht mehr in den unzähligen kleinen Schubladen, in denen die Kärtchen alphabetisch sortiert sind, nach einem bestimmten Titel, Autor oder Sachgebiet. Heute durchsucht man den Bibliothekskatalog mit Hilfe eines Computers, mit einer Suchsoftware von Eurospider. Der grosse Vorteil ist nicht nur der Zeitgewinn, sondern dass man den Bibliothekskatalog bequem von zu hause aus über das Internet durchsuchen kann – und die gefundenen Bücher auch gleich bestellen oder reservieren kann.

Auch Archivrepertorien werden mit Hilfe von Computern erstellt. So hat zum Beispiel das Historische Museum Luzern seinen ganzen Bestand, der ja weit über die ausgestellten Gegenstände hinausgeht, in einer Datenbank erfasst. Beschreibungen und Bilder der einzelnen Gegenstände sind in der Datenbank abgelegt. Natürlich wäre es auch möglich diese Datenbank über das Internet einsehbar zu machen.

Archive die vor allem Bücher und andere Schriftstücke enthalten können komplett eingescannt werden. Mit hilfe spezieller Texterkennungsprogrammen, die weit über das hinausgehen was heute mit jedem Scanner geliefert wird, können diese Bestände digitalisiert werden. Wenn der enthaltene Text elektronisch abgelegt ist, werden diese Archive für Computer durchsuchbar. Hier gibt es allerdings das Problem, dass es zum Beispiel im Mittelalter keine einheitliche Rechtschreibung gab. Die Schreiber haben Worte zum Teil sehr unterschiedlich geschrieben.

Mit hilfe der Informatik lassen sich sehr breit vorhandene Quellen statistisch auswerten. Damit kann ein Historiker erkenntnisse gewinnen, die ihm ohne die Informatik vielleicht verschlossen geblieben wären.