Lieber Bruder Ali

Salamu Alaykum wa Rahmatullahi wa Barakatuh


Rachid's Blog - Eine Reise in die Gedankenwelt eines Schweizer Muslims
... und manchmal richtet sich ein Text an eine bestimmte Person. Weil die Texte Persönliches berühren können, nenne ich die Person jeweils "Bruder Ali".

Einleitung
Wir berufen uns gerne auf Qur’an und Hadith. Was meinen wir aber genau mit Qur’an und Hadith? Den ins Deutsche übertragene Qur’antext? Das Buch „Auszüge aus Sahih al-Buchari“? Oder meinen wir die arabischen Originalquellen? Oder meinen wir Kommentierte arabische Quellen?

„Qur’an und Hadith“, das klingt überzeugend klar, einfach, geradlinig, auf das Wesentliche bezogen und richtig. Wenn man genauer hinsieht ist es aber doch schwammig. „Qur’an und Hadith“ ist immer auch Interpretation. Die ins Deutsche übertragenen Originaltexte sind eine Interpretation. Wenn wir in einer Diskussion die Originalquellen zitieren, interpretieren wir die Quellen in diesem Augenblick selbst. Greifen wir auf Übersetzungen oder Kommentierte Werke zurück, bedienen wir uns der Interpretationen anderer. Wenn wir als Unkundige die Originalquellen oder unkommentierte Übersetzungen heranziehen, um damit in einer Diskussion unsere Meinung zu untermauern, laufen wir Gefahr in die Irre zu gehen.

Es ist uns allen klar, dass eine solche Herangehensweise während den letzten 1400 Jahren zu einer Verwässerung des Islams geführt haben müsste, hätten die Gelehrten unter den Muslimen nicht Methoden entwickelt, um dies zu verhindern. Wenn wir diese Methoden nicht einmal ansatzweise kennen, besteht die Gefahr, dass wir uns frei nach unserem Gusto unseren eigenen persönlichen Islam zusammenbasteln. Wir berufen uns dabei auf Quran und Hadith, und wähnen uns auf dem rechten Weg.

Der Zugang zu den Quellen
Zur Zeit des Propheten, Sallallahu Alaihi wa Sallam, konnte man den Qur’an ziemlich direkt verstehen. Wenn jemand einen Vers aus dem Qur’an nicht verstand, konnte er zum Propheten (sas) gehen und ihn bitten, den Vers zu erklären. Später hat sich dann der Islam über Mekka und Medina hinaus ausgebreitet. Bald hat er sich auch auf Gebiete ausgedehnt in denen man nicht Arabisch sprach, bald auch auf Gebiete die eine andere Kultur pflegten als die Araber des Hijaz. Die Gefahr bestand, und besteht heute mehr denn je, dass Muslime, die Arabisch nicht als Muttersprache sprechen, die Bedeutung eines Wortes missverstehen. Oder aber, dass sie eine Sitte der Araber zur Zeit des Propheten (sas) nicht kennen und deshalb eine Aussage des Propheten (sas) falsch interpretieren. In den meisten Übertragungen des Qur’antextes in die deutsche Sprache, ebenso in vielen Artikeln über den Islam, aber auch in Gesprächen kommen wir immer wieder in Situationen, in denen Aussagen des Propheten oder Verse des Qur’ans aus der Unkenntnis der sprachlichen und kulturellen Feinheiten missverstanden werden.

Zum Beispiel “Heiliger Krieg”. Woher kommt der Begriff? Als heilige Kriege wurden im christlichen Mittelalter die Kreuzzüge gegen die Muslime bezeichnet. In den vergangenen Jahren wurde dieser christlich behaftete Begriff auf die Muslime übertragen. Heute assoziiert niemand mehr „Heiliger Krieg“ mit den Kreuzzügen, Wenn man “Heiliger Krieg” ins Arabische übersetzt kommt “al-Harb al-Muqaddas” heraus. Muslime gebrauchen diesen Begriff aber nicht. Wie kann Krieg heilig sein? Der arabische Begriff Dschihad wird durch die Übersetzung mit “Heiliger Krieg” verzerrt und in seiner Bedeutung eingeschränkt wiedergegeben. Dschihad umfasst nicht nur den Verteidigungskrieg gegen einen die Muslime angreifenden Feind, sonder vor allem auch den Kampf mit der eigenen Nafs, den der Muslim auf dem Weg zu Allah führt.
Mit vielen anderen Begriffen wird ähnlich verfahren. Am Ende entsteht in den Köpfen der Konsumenten westlicher Mainstreammedien ein blutrünstig verzerrtes Gesamtbild des Islams, das mit der klassischen Auslegung der arabischen Originaltexte nicht mehr übereinstimmt.

Grammatik und Geschichte
Die Schwierigkeit der nicht arabisch sprechenden Völker, die arabischen Originaltexte richtig zu verstehen, war der Grund, warum man anfing die Grammatik der arabischen Sprache niederzuschreiben. Es entstanden Grammatiklehrbücher, mit deren Hilfe Nichtaraber Arabisch lernen konnten. Auch wir, die heute lebenden Muslime – die Araber bilden hier keine Ausnahme - brauchen die Grammatik und ganz allgemein die Sprachwissenschaft, um den Zugang zu den Originalquellen zu erhalten. Ebenso wichtig ist es, dass wir die Aussagen des Propheten (sas) in den richtigen Zusammenhang setzen können. Wir müssen wissen in welcher Gesellschaft der Prophet (sas) gelebt hat, welche Sitten damals herrschten. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Araber damals in einer Stammesgesellschaft gelebt haben, die sich von unserer westeuropäischen Gesellschaft stark unterscheidet. Wir müssen das Leben des Propheten (sas) und selbst die geographischen Gegebenheiten der arabischen Halbinsel kennen, um den Qur’an und die Worte des Propheten (sas) verstehen zu können. Die Wissenschaft vom Leben des Propheten (sas) nennt man auf Arabisch Sira. Die Sira ist sehr wichtig für das Verständnis des Islams. Das bekannteste Sira Werk hat Ibn Ishak geschrieben. Das Werk wurde auf Deutsch übersetzt und unter dem Titel Das Leben des Propheten herausgegeben.

Hadith- und Qur’anwissenschaft
Es gibt eine riesige Zahl an Aussagen des Propheten (sas), sie wurden von tausenden Personen überliefert. Vertrauen wir all diesen Überlieferungen blind? Hat es nicht vielleicht Aussagen darunter, die sich glatt widersprechen, und andere, die zwar grundsätzlich denselben Inhalt haben, im Wortlaut aber voneinander abweichen? Könnten sich nicht auch Ahadith eingeschlichen haben, die erfunden sind? Worte die der Prophet (sas) nie gesagt hat? Es gibt viele Motive, einen Hadith zu erfinden. Wie trennen wir also die Spreu vom Weizen? Welchen Hadith akzeptieren wir, welchen weisen wir zurück? Die Hadithwissenschaft, auf arabisch Ulum ul-Hadith, stellt unter anderem diese Fragen. Man kann die Hadithwissenschaft in zwei Bereiche aufteilen. Der eine Bereich befasst sich mit der Hadith Überlieferung. Die zentrale Frage dabei ist, wer hat welchen Hadith wem weitergegeben? Der andere Bereich der Hadithwissenschaft bewertet die Ahadith und ihre Überlieferer. Die Ahadith werden nach der Stärke ihres Überlieferungswegs und nach der Belegkraft ihres Inhalts kategorisiert. Damit die Hadithwissenschaftler den Überlieferungsweg objektiv beurteilen konnten, haben sie etwa 10′000 Biographien von Hadith Überlieferern erstellt und in den so genannten Tabakat Werken gesammelt. Der Aufwand, den die Hadithwissenschaftler dazu betrieben haben, ist beispiellos. In keiner anderen Religion wurden die Quellen, sofern überhaupt vorhanden, so kritisch beleuchtet.

Die Hadithwissenschaft greift auf eine Anzahl von Hilfswissenschaften zurück, darunter:

  • Wissenschaft vom Aufhebenden und Aufgehobenen
  • Wissenschaft der Tradierungsketten
  • Wissenschaft der Tradentenkritik
  • Wissenschaft der Namen der Tradenten
  • Wissenschaft des sprachlich ungewöhnlichen in den Ahadith
  • Wissenschaft der Erläuterung des Hadith
  • Wissenschaft der erfundenen Ahadith

Die Qur’anwissenschaften umfassen unter anderem folgende Bereiche:

  • Die Offenbarung des Qur’ans und die Wahy-Arten
  • Die Sammlung und Niederschrift des Qur’ans
  • Die Offenbarungsanlässe der einzelnen Verse (Ayat)
  • Die aufgehobenen und die Aufhebenden Verse (Ayat)
  • Was wurde in Mekka, was wurde in Medina offenbart?
  • Und in welcher zeitlicher Abfolge?

Mit diesen Wissenschaften öffnet sich für uns der Zugang zu den Primärquellen des Islams. Wir verstehen die Quellen sprachlich, können sie geschichtlich in den richtigen Zusammenhang setzen, und können sie kritisch bewerten. Die riesige Zahl an Überlieferungen liegt nun etwas strukturierter vor uns. Es sind aber immer noch einzelne Überlieferungen, Quellen, und noch keine konkreten Regelungen, die wir im Alltag befolgen können oder müssen. Um aus den Quellen konkrete Regelungen abzuleiten, brauchen wir noch eine ganze Reihe weiterer Wissenschaften.

Aqida
Die Aqida beschreibt die zentralen Glaubensinhalte des Islams, die sechs Säulen des Imans, auf arabisch Arkan ul-Iman. Dies sind:

  1. Allah
  2. die Engel und Dschinn
  3. die Propheten
  4. die Offenbarungsschriften
  5. der Tag des Gerichts
  6. al-Qada’ und al-Qadar, das Vorauswissen und die Bestimmung Allahs über Seine Geschöpfe

Jeder Muslim, jede Muslimin muss, um zum Islam zu gehören, die Aqida verinnerlichen und mit der Schahada, dem Glaubensbekenntnis, bezeugen. Jeder Prophet, also auch Ibrahim (Abraham), Musa (Moses) und Isa (Jesus), haben exakt dieselbe Aqida verkündet. Die Botschaft aller Propheten unterscheidet sich im Bereich der Aqida in keinem Detail. Auf der praktischen Ebene, also z.B. beim Eherecht, haben sie zum Teil unterschiedliche Inhalte verkündet. Die Inhalte der Aqida sind im Gegensatz zu den praktischen Aspekten der Schar’a für alle Zeiten gesetzt, gleich bleibend. Die Aqida hat sich niemals verändert und wird sich niemals verändern. Deshalb werden für die Aqida nur absolut gesicherte und breit abgestützte Überlieferungen herangezogen, so genannte Mutawatir Überlieferungen. Es gibt einige hundert Ahadith, bei denen die Mutawatir Kriterien erfüllt sind. Der Qur’an als Ganzes ist eine Mutawatir Überlieferung.

Einige Aspekte der Iman Inhalte - wie zum Beispiel die Existenz eines Schöpfers, der Einzigartig ist, ohne Anfang und ohne Ende - lassen sich auch rein über die Vernunft finden, ohne auf die Grundlage von Überlieferungen zu bauen.

Das Schari’a Gebilde
Nach Amir Zaidan definiert man Schari’a als “die Gesamtheit aller Gebote und Verbote, die Allah seinen Dienern durch den Qur’an und die Sunna gebot.” Die Schari’a ist ein Oberbegriff für viele einzelne Wissenschaften. Man unterscheidet zwischen dem Werte- und Normensystem einerseits (Fiqh) und den zu verinnerlichenden Glaubensinhalten andererseits (Aqida).

Das Schari’a Gebilde hat vier Ebenen.

1. Allgemeine Ebene Maqasid (Zielsetzungen), Was will die Schari’a?
2. Grundlagenwissenschaften Usul ul-Fiqh
3. Allgemeine Rechte- und Pflichtenlehre Praktisches allgemeines Fiqh
4. Praktische Ebene Praktisches individuelles Fiqh (Fatwa)

Usul ul-Fiqh
Die zweite Ebene sind die Grundlagenwissenschaften, die Usul ul-Fiqh. Diese Grundlagenwissenschaften beschreiben die Methoden, die man anwendet um aus den Quellen eine konkrete Fiqh-Regelung, sozusagen ein Gesetz abzuleiten. Biertrinken zum Beispiel ist haram, eine darf-nicht-Handlung. Wie kommt man darauf? Im Qur’an ist nur Khamr erwähnt. Biertrinken wird über einen Analogieschluss, einen Qiyas, als haram eingestuft. Das Prinzip des Qiyas erklärt uns die Wissenschaft des Usul ul-Fiqh. Usul ul-Fiqh ist übrigens auch der Grund, warum wir mehrere Rechtsschulen haben. Die Unterschiede zwischen den Rechtsschulen gründen in den Methoden, die angewendet werden, um Fiqh-Regelungen aus den Quellen abzuleiten. Teilweise gibt es aber auch in der Hadithwissenschaft Unterschiede zwischen den Rechtsschulen.

Fiqh und Fatwasprechung
Die dritte Ebene ist die allgemeine Rechte- und Pflichtenlehre, sie beinhaltet Fiqh Regelungen, die für alle Muslime gelten. Praktisches allgemeines Fiqh. Hier geht es um konkrete Fragen, z.B. wie verrichtet man das Gebet? Wie wird eine Ehe geschlossen?

Die vierte Ebene ist die praktische individuelle Ebene. Hier werden konkrete Fragen zu ganz individuellen Problemen durch dafür qualifizierte Gelehrte beantwortet. Die Lösung ist auf die Situation des Fragenden zugeschnitten und in ihrer Geltung räumlich und zeitlich begrenzt. Es ist die Ebene, auf der eine Fatwa gesprochen wird, ein individuelles Rechtsgutachten.