Lieber Bruder Ali

Salamu Alaykum wa Rahmatullahi wa Barakatuh


Rachid's Blog - Eine Reise in die Gedankenwelt eines Schweizer Muslims
... und manchmal richtet sich ein Text an eine bestimmte Person. Weil die Texte Persönliches berühren können, nenne ich die Person jeweils "Bruder Ali".

Einleitung
Europäer gehen oft davon aus, dass der Qur’an eine ähnliche Geschichte hat wie die Bibel. Dieser Artikel stellt die Geschichte des Qur’ans der Geschichte der Bibel gegenüber. Meine Absicht ist Muslimen und Nichtmuslimen die muslimische Sicht der Geschichte des Qur’ans in kompakter Form darzulegen. Meine Absicht ist nicht, die Bibel in irgend einer Weise gering zu schätzen. Vor vielen Jahren habe ich während einer ausgedehnten Velotour durch Osteuropa grosse Teile der Bibel gelesen und mich damit auseinander gesetzt. Die Bibel berichtet über die Propheten Allahs, subhanahu wa ta’ala. Wie könnte ich ein Buch gering schätzen, das ich im Kern als eine Offenbarungsschrift Allahs akzeptiere?
Für das Verständnis dieses Artikels wird vorausgesetzt, dass man den Artikel Kurze Einführung in die Hadithwissenschaft gelesen hat. An den entsprechenden Stellen wird auf diesen Artikel verwiesen.

Die Bibel
Ich besitze eine alte christliche Bibel, sie stammt aus dem vorletzten Jahrhundert. Meine Bibel umfasst das alte und das neue Testament, also unter anderem die Genesis, die Bücher Moses, die Psalmen und die vier kanonischen Evangelien, alles in allem 73 einzelne Teile. Neben dieser alten Einheitsübersetzung, gibt es in deutscher Sprache noch die Lutherbibel, die Zwinglibibel, die Elbfelder Übersetzung, die Gute Nachricht, die Hoffnung für alle, sowie die Schlachter-Bibel. In anderen Sprachen gibt es eine ähnliche Vielfalt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf die Vulgata genannte lateinische Bibel des Hieronymus zurückgehen. Parallel dazu haben sich verschiedene orthodoxe Bibeln entwickelt.

All diese Bibel sind letztlich Übersetzungen verschiedener griechischer Bibeln. Die vier Evangelisten Mathäus, Markus, Lukas und Johannes haben ihre Schriften auf in der altgriechischen Handelssprache Koine verfasst. Doch der Prophet Isa (alaihi salam) hat nicht Griechisch sondern Aramäisch gesprochen, eine Sprache die heute noch in einem Tal in der Nähe von Damaskus gesprochen wird. Die Bibel, wie wir sie heute kennen, wurde von den Römern im zweiten Jahrhundert zusammengestellt. Obwohl es mehr als 4 Evangelien gab, wurde beschlossen nur diese vier in das neue Testament aufzunehmen. Diese Darstellung ist stark vereinfacht.

Hadithwissenschaft und die Bibel
Aufgrund der Vielzahl verschiedener Bibelausgaben ist es nahe liegend, dass meine Bibel - ein Meisterwerk der Buchbinderkunst, denn sie hat zwei Jahrhunderte überstanden - nicht mehr wörtlich den Originalquellen entspricht. Vor der Erfindung der Druckpresse wurden Bücher handschriftlich erstellt. Zur Vervielfältigung wurden Bücher handschriftlich kopiert. Beim handschriftlichen Kopieren eines Buches schlichen sich manchmal Fehler ein, besonders wenn der Schreiber mit der Thematik des Buches nicht vertraut war, oder wenn er glaubte es besser zu wissen als der Autor. Doch nicht nur das handschriftliche Kopieren verändert den Inhalt. Auch durch das Übersetzen in eine andere Sprache wird der Inhalt verändert, denn Übersetzung ist immer auch Interpretation. Würde man die Kriterien der Hadithwissenschaft auf meine alte Bibel anwenden, müsste man sie in ihrer Gesamtheit als schwache Überlieferung einstufen. Man würde nicht eine einzige Überlieferungskette finden.

Aktuelle Bibelforschung
Manche Theologieprofessoren, allen voran die Bibelexegeten, geraten in einen immer tieferen Zwiespalt. Durch die Bibelforschung gewinnen sie neue Erkenntnisse, doch den Theologiestudenten müssen sie durch die Kirche festgelegten Inhalte vermitteln. Inhalte, die sie durch ihre Forschung teilweise widerlegt haben.

Manchmal kommt es zum Zerwürfnis zwischen Theologieprofessoren und der Kirche. Prof. Dr. Lüdemann von der Universität Göttingen ist ein bekanntes Beispiel.

Der Qur’an
Als Qur’an bezeichnet man nur das arabische Original. Sämtliche Übersetzungen in andere Sprachen sind eigentlich eine Qur’an-Auslegung, ein Tafsir.

Vor vielen Jahren hat mir jemand in Damaskus einen Mushaf geschenkt. Mushaf nennt man den gedruckten oder handschriftlich niedergeschriebenen Qur’an in Buchform. Der Qur’an ist der Inhalt, der Mushaf ist das Buch. Ich versuche immer diesen Mushaf zu verwenden, wenn ich Qur’an lese, damit derjenige, der mir diesen Mushaf geschenkt hat, seinen Anteil am Lohn hat.

Allah, subhahahu wa ta’ala, lässt jeden Seiner Propheten ein Wunder vollbringen um die Prophetenschaft zu bestätigen. Eine wichtige Eigenschaft dieser Wunder ist, dass die anderen Menschen unfähig sind, etwas Vergleichbares zu vollbringen. Eines der Wunder des Propheten Muhammad (sas) ist der Qur’an. Dieses Wunder des Propheten Muhammad (sas) bleibt bis zum Jüngsten Tag bestehen. Der Charakter dieses Wunders bekommt mit der Zeit eine andere Färbung. Das Wunder wird aber in irgendeiner Form bis zum Jüngsten Tag erkennbar bleiben.

Viele Nichtmuslime glauben, dass es sich mit dem Qur’an ähnlich verhält, wie mit anderen Offenbarungsschriften. Sie glauben, dass Muhammad (sas) der Urheber des Qur’ans ist. Er habe den Inhalt des Qur’ans durch Nachdenken und Meditation hervorgebracht. Oder Muhammad (sas) habe Lehrer gehabt, die ihn christliche Inhalte lehrten, die er im Qur’an verdreht wiedergab. Und sie glauben der Qur’an sei während seiner Überlieferung inhaltlich verändert worden.

Die Urheberschaft des Qur’ans
Allah, subhanahu wa ta’ala, fordert die Nichtmuslime im Qur’an an zwei Stellen auf, auch nur eine mit dem Qur’an vergleichbare Sura hervorzubringen. Sinngemäss sagt Allah, subhanahu wa ta’ala:

Sag: ‚Würden sich die Menschen und die Dschinn vereinigen, damit sie ein diesem Quran Gleiches hervorbringen, würden sie nicht Seinesgleichen hervorbringen, selbst dann nicht, sollten die einen den anderen beistehen.‘
(Qur’an 17:88)

Und solltet ihr Zweifel haben über das, was Wir Unserem Diener nach und nach hinabsandten, dann bringt nur eine Sura seinesgleichen her und ruft eure Zeugen anstelle von Allah auf, solltet ihr wahrhaftig sein. Und wenn ihr es nicht tut, und ihr werdet es gewiss niemals tun, so sucht Taqwa vor dem Feuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind, das für die Kafir vorbereitet wurde.
(Qur’an 2:23-24)

Diese Aufforderung besteht nun seit mehr als 1′400 Jahren. Wie von Allah vorausgesagt, wurde die Aufforderung bis heute nicht erfüllt. Sie wurde schon mehrmals angenommen, doch jeweils schon nach kurzer Zeit erfolglos wieder aufgegeben. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Aussagen berühmter arabischer Poeten wie Utbah Ibn Rabi’a oder al-Walid Ibn Mughuira, die zur Zeit Muhammads (sas) als Nichtmuslime in Mekka gelebt haben. Ibn Rabi’a und Ibn Mughira gehörten zu den besten Kennern der arabischen Sprache überhaupt. Diese wortgewaltigen Poeten bestätigen, dass der Qur’an nicht das Wort eines Menschen sein kann. (Haben die beiden versucht eine Sura hervorzubringen?)
Hätte Muhammad (sas) den Qur’an durch Nachdenken und Meditation hervorgebracht, so müsste es doch auch anderen Menschen möglich sein, durch Nachdenken und Meditation eine dem Qur’an vergleichbare Sura hervorzubringen. Hätte Muhammad (sas) christliche Lehrer gehabt und die von ihnen gelernten Inhalte verdreht wiedergegeben, so müsste es christlichen Theologen doch möglich sein eine dem Qur’an vergleichbare Sura hervorzubringen.

Warum können wir keine Sura hervorbringen?
Auch die intelligentesten und gebildetsten Menschen sind immer durch die Zeit geprägt, in der sie Leben. Sei es in ihrem Denken oder in ihrer Sprache. Jedes von Menschen verfasste Buch wird irgendwann an Relevanz verlieren. Irgendwann hat sich die Erfahrung und das Wissen der Menschheit weit über das Buch hinaus entwickelt. Und irgendwann ist die Sprache und der Stil des Buches nicht mehr zeitgemäss. Ein von Menschen verfasstes Buch ist irgendwann nur noch ein Zeugnis aus einer vergangenen Zeit, hat in späteren Jahrhunderten vielleicht noch historischen Wert.
Allah, der unabhängig von Raum und Zeit existierende Gott, ist an keine Beschränkungen gebunden. Das Wissen des aus sich selbst Seienden Gottes umfasst alles und alle Zeiten. Die Erfahrung und das Wissen der Menschheit ist nichts im Vergleich zu Allahs Wissen. Sein Buch ist für die Menschen aller Zeiten relevant, der Stil seines Buches veraltet nie.

Die Zeichen im Qur’an
Heute finden wir den Zugang zum Wunder des Qur’ans nicht mehr über seine vollendete arabische Sprache.
Viele Inhalte der Bibel wurden durch wissenschaftliche Erkenntnisse aufgehoben. Man weiss es heute besser als die Leute, die die Bibel geschrieben, kopiert und übersetzt haben. Die Bibel ist in dieser Hinsicht eher ungenau. Sie berichtet von historischen Begebenheiten – neuere wissenschaftliche Erkenntnisse haben manche dieser Berichte ins Reich der Legenden verbannt. Ganz anders verhält es sich mit dem Qur’an. Viele Verse waren für die Menschen vergangener Zeiten eher merkwürdig, man verstand sie nicht wirklich. Durch die naturwissenschaftliche Forschung, durch wissenschaftliche Erkenntnisse, wird die Bedeutung dieser Verse in jüngster Zeit plötzlich klar. Der Qur’an wird nicht wie die Bibel mit der Zeit immer ungenauer. Ganz im Gegenteil, es wird immer klarer, wie exakt erst kürzlich gewonnene naturwissenschaftliche Erkenntnisse im Qur’an vorweggenommen wurden, wie frei der Qur’an von Widersprüchen ist. Der Wundercharakter des Qur’ans tritt damit wieder hervor, nach dem die Menschen den Zugang zum sprachlichen Wunder des Qur’ans verloren haben.

Ein Mensch kann dieses absolut zeitlose Buch nicht geschrieben haben. Der Autor kann nur jemand sein, der nicht an die Beschränkungen von Raum und Zeit gebunden ist - Allah, subhanahu wa ta’ala.

Niederschrift und Überlieferung des Qur’ans
Viele Nichtmuslime und auch Muslime gehen davon aus, dass der Qur’an erst eine mündliche Überlieferung war, und erst lange Zeit nach dem Tod des Propheten (sas) schriftlich fixiert wurde.

Die Wahy Schreiber
Auch zu Lebzeiten des Propheten (sas), als Texte vorwiegend mündlich überliefert wurden, wurde der Qur’an zusätzlich schriftlich festgehalten. Genau so Stück für Stück wie der Qur’an offenbart wurde, hielten ihn die Wahy Schreiber des Propheten (sas) auf Tierhäuten und Kamelknochen fest. Weil der Prophet (sas) weder schreiben noch lesen konnte, griff er für die Niederschrift der Offenbarungen auf zuverlässige Leute zurück, die schreiben und lesen konnten. Die Wahy Schreiber des Propheten zählten zu den grössten Sahaba, unter ihnen waren unter anderem die vier rechtgeleiteten Kalifen Abu Bakr, Omar, Uthman und Ali. Die einzelnen Ayat waren zu diesem Zeitpunkt bereits innerhalb der Suren geordnet. Es ist nicht gesichert, ob die Reihenfolge der Suren bereits festgelegt wurde.

Die Sammlung des Qur’ans zur Zeit Abu Bakrs
Nach dem Tod des Propheten (sas) wurde sein bester Freund Abu Bakr von den Muslimen zum Kalifen gewählt. Eine der grössten Herausforderungen für den ersten Kalifen war es, den islamischen Staat nach dem Tod des Propheten (sas) zusammen zu halten. Es kam zum Krieg mit Lügenpropheten und vom Islam abfallenden Stämmen. Bei diesen Kämpfen kamen viele Muslime ums Leben, die den gesamten Qur’an auswendig kannten. Abu Bakr sah Gefahr für die Überlieferung des Qur’ans und ordnete deshalb an, dass alle zur Zeit des Propheten niedergeschriebenen Teile des Qur’an zusammengetragen werden. Said Ibn Thabit, einer der Wahy Schreiber des Propheten, den Abu Bakr mit dieser Aufgabe betraute, akzeptierte nur was zwei Zeugen bezeugten, dass es in der Gegenwart des Propheten (sas) niedergeschrieben wurde. Der aufgrund der Sammlung Said Ibn Thabits erstellte Mushaf wurde erst von Abu Bakr aufbewahrt, nach seinem Tod von Omar ibn ul-Chattab, dem zweiten Kalifen. Nach Omars Tod wurde der Mushaf von dessen Tochter Hafsa Bint Omar aufbewahrt, einer Frau des Propheten (sas). Alle Sahaba waren sich einig, dass dieser Mushaf die korrekte Niederschrift des Qur’ans war.

Die Erstellung eines einheitlichen Mushafs zur Zeit Uthmans
Der Qur’an wurde ursprünglich nach sieben Mundarten (Ahruf) rezitiert. Dies um den zum überwiegenden Teil analphabetischen Arabern das Auswendiglernen zu erleichtern. Omar Ibn ul-Chatab überlileferte sinngemäss:

Ich habe Hischam Ibn Hakim dabei zugehört, als er die Sura al-Furqan zu Lebzeiten des Gesandten Allahs (sas) rezitierte. So hörte ich seiner Rezitation gut zu, da stellte ich fest, dass er sie nach verschiedenen Ahruf rezitierte, die mir der Gesandte Allahs (sas) so nicht beigebracht hatte. So hätte ich ihn beinahe beim rituellen Gebet unterbrechen wollen, doch ich wartete auf ihn, bis er Salam gemacht hatte. Da packte ich ihn an seinem Gewand un sagte: „Wer hat dir diese Sura, die ich von dir hörte beigebracht?“ Er sagte: „Allahs Gesandter (sas) hat sie mir beigebracht.“ Dann sagte ich: „Du lügst, denn bei Allah! Allahs Gesandter (sas) war gewiss derjenige, der mir diese beigebracht hat, die ich hörte, als du sie rezitiert hast.“ Dann ging ich los und zerrte ihn zum Gesandten (sas) und sagte: „Ya Rasul Ullah! Ich habe diesem zugehört, als er die Sura al-Furqan rezitierte, und zwar nach Ahruf, die du mir so nicht beigebracht hast. Und du hast mir doch die Sura von al-Furqan beigebracht.“ Dann sagte der Gesandte Allahs: „Hischam rezitiere!“ Dann rezitierte er die gleiche Rezitationsart, die ich vorher hörte. Dann sagte Allahs Gesandter: „So wurde sie hinab gesandt.“ Dann sagte er: „Rezitiere, Omar!“ Dann rezitierte ich sie so, wie er sie mir bei brachte. Dann sagte der Gesandte Allahs (sas): „So wurde sie hinab gesandt.“ Dann sagte der Gesandte Allahs (sas): „Gewiss, dieser Qur’an wurde nach sieben Ahruf hinabgesandt, so rezitiert von ihm, was euch erleichtert wurde.“
(Sahih nach Buchari und Muslim)

Zur Zeit Uthmans hatte sich der Islam bereits über ein grosses Gebiet ausgebreitet. Vielen neuen Muslimen fehlte das Wissen um die sieben Ahruf. Deswegen gerieten Muslime aus unterschiedlichen Gebieten wegen abweichender Qur’an Rezitationen aneinander. Als die Streitereien Medina erreichten beschloss Kalif Uthman einen Mushaf nach einem einzigen Harf zu erstellen und Kopien dieses Mushafs in alle Teile des islamischen Staates zu versenden. Er betraute ein Komitee mit dieser Aufgabe. Dem Komitee gehörte auch Said Ibn Thabit an, der unter Abu Bakr den ersten Mushaf erstellte. Kalif Uthmans Mushaf berücksichtigte wie Kalif Abu Bakrs Mushaf alle Mutawatir Rezitationsarten. Im Gegensatz zu Abu Bakrs Mushaf berücksichtigte Uthmans Mushaf nur eine einzige Mundart. Alle Sahaba bezeugten die Korrektheit des unter Kalif Uthman erstellten Mushafs.

Uthmans Mushaf in Taschkent
Einer dieser Mushafs behielt Kalif Uthman als persönliches Exemplar in Medina. Uthman hat in seinem Mushaf gelesen, als er in Medina ermordet wurde. Durch den Schwerthieb spritzte sein Blut über die Seiten. Uthmans Mushaf kam im 15ten Jahrhundert nach Samarkand im heutigen Usbekistan. Dieser Mushaf wird heute in der Telyaschayach Moschee in Taschkent ausgestellt.

Alle Sahaba waren sich einig, dass dies der authentische Qur’an ist. Jeder Mensch kann diesen Mushaf mit einem heutigen Mushaf vergleichen. Damit ist der Nachweis erbracht, dass der Qur’an während seiner Überlieferung nicht verändert wurde.